Sunday, March 02, 2008

Trans* vs Inter*

Nicht erst seit gestern gibt es innerhalb der Transszene Bestrebungen, Trans* als eine Form der Intersexualität zu begreifen. Manch einer spricht in dem Zusammenhang auch gerne von einer psychischen Intersexualität.

Offensichtlich verspricht man sich davon eine Endpsychopathologisierung des Trans* seins und damit einen einfacheren Zugang zu medizinischer Versorgung und rechlicher Anerkennung.
Durchaus nachvollziehbare Gründe ; sind doch die SOC für viele Trans*menschen eine Zumutung. Die über Jahre immer wiederkehrenden medizinischen, psychologischen, psychiatrischen und juristischen Begutachtungen bis zur Anerkennung der eigenen männlichen/weiblichen Identität führen nicht selten zu psychosomatischen Krankheitsbildern. Oft ist die psychische Anspannung und das Gefühl des Hilflos-/Ausgeliefertseins so stark dass es im Laufe der SOC zu Nervenzusammenbrüchen/Klinikaufenthalten etc. kommt.
Hinzu kommt bei Transgenderpersonen der permanente Druck in allen Begutachtungssituationen lügen zu müssen ; denn für Transgender gibt es in Deutschland offiziell keine Behandlung. Fühlt man sich also zwischen den Geschlechtern behält man das besser für sich. Nur selten trifft man auf liberale fortschrittliche Gutachter die Transgender anerkennen und Ihnen eine Behandlung zugestehen.

Zu diesem rein "formellen Druck" tritt der gesellschaftliche hinzu. Trans* sein wird von "dem Normalbürger" immer noch als eine Form der Perversion und Geisteskrankheit begriffen. Man ist also einem permanten Erklärungs-/Aufklärungsdruck ausgesetzt sowie Reaktion aller erdenklicher Art. Mobbing, Jobverlust, Schulabbruch etc. sind keine Seltenheit.

Verlockend scheint da das anatomisch begründete Trans*sein. Etwa die Vorstellung eines männlich ausgeprägten Gehirns in einem weiblichen Körper (oder umgekehrt) Und auf den ersten Blick scheint das die Lösung all der Probleme zu sein mit denen man vor/wärend und nach der Transition zu tun hat.

Ist es aber nicht.

Trans* hat nichts mit Intersexualität zu tun. Und es wäre auch nicht schön oder besser oder einfacher wenn dem so wäre.

Wir würde lediglich von einer patholgisierten Gruppe in eine andere geschoben werden. Wieder wären wir Medizinern und Juristen ausgeliefert. Wieder wären wir die Abweichung; nicht die Norm. Die Abweichung ist - egal in welchem Erscheingsbild - immer erklärungsbedüftig, immer untersuchungsbedürftig, immer behandlungsbedürftig.
Die Vorstellung dass mit dieser Einordnung eine gesellschaftlich Akzeptanz gewonnen wäre, scheint darüber hinaus nahzu lächerlich, wenn man sich die heute noch gängigen "Behandlungsmethoden" an Intersexuellen vor Augen hält.

Abgesehen davon scheint es mir doch reichlich absurd zu sein. Sich in eine Gruppe einordnen zu wollen, die ihrerseits seit Jahren gegen eine Pathologisierung und gegen eine Behandlungsbedüftigkeit ankämpft. Sich dort einordnen zu wollen, bedeutet auch die Forderungen/Kämpfe seitens der Intersexuellen mit Füßen zu treten und darüber hinaus Gesellschaft/Medizinern/Juristen in die Hände zu spielen die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das Zwei-Geschlechtersystem aufrecht erhalten.

Es wäre also für niemanden etwas gewonnen.

Sinnvoll hingegen wäre sicherlich eine Entpathologisierung beider Gruppen anzustreben, gegen die Menschenrechtsverletzungen anzugegen die sowohl Intersexuellen als auch Transsexuellen/Transgendern angetan werden, sowie gegen den Normierungsdruck anzukämpfen.

Sinnvoll wäre es dafür zu kämpfen dass es Platz gibt für alle Identitäten und Lebensentwürfe.

12 comments:

Anonymous said...

Die Anerkennung von transsexuellen Menschen hat sehr viel damit zu tun, die Zwangsgeschlechtszuordnung anhand Merkmalen wie den Körper als falsch zu entlarven, und zu erreichen, dass Menschen die mit gegengeschlechtlichen Körpermerkmalen geboren wurden auch als solche gesellschaftlich, rechtlich und medizinisch anerkannt werden. Solange hier die gesellschaftliche Ignoranz - gefärbt von religiösen oder pseudowissenschaftlichen Theorien - weiterhin fälschlicherweise davon ausgeht, dass ein transsexueller Mensch einer ist, dessen Psyche vom Geburtsgeschlcht abweicht (und damit beispielsweise die Genitalien eines Menschen zu geschlechtsbestimmend ernennen will) und weiterhin Menschen, die von nichts weiter betroffen sind, als dass ihre körperlichen Merkmale andersgeschlechtlich entwickelt haben als ihr Selbst/Psyche/Gehirn in ihrer Existenz geleugnet werden, solange ist es auch nötig immer wieder darauf hinzuweisen, dass diese Menschen tatsächlich existieren. Und in Zeiten, in denen Menschen, die angebliche Unterstützung und Solidarität heucheln, aber nichts weiter im Schilde führen, als weiterhin die längst überfällige Existenzanerkennung transsexueller Menschen zu leugnen (als solche deren Körper sich schon vorgeburtlich stellenweise gegengeschlechtlich entwickelt hat), solange ist es wichtig seinen Mund aufzumachen und auf die Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen - unabhängig davon, wer derjenige ist, der hier das Menschenrecht mit Füssen tritt. Zur Anerkennung gehört dazu, dass sich dieser Kritik jeder gefallen lassen muss, der hier zu den Existenzverleugnern transsexueller Menschen gehört - selbst dann, wenn diese Menschen so tun, als ob sie sich für die Rechte intersexueller Menschen einsetzen.

Wer Geschlecht am Körper festmacht und nicht erkennt, dass es um die Seele/das Selbst/die Psyche eines Menschen gehen sollte, wird nie Verstehen, wo den der Link zwischen transsexuellen und intersexuellen Menschen zu finden ist, weil er ignoriert, wegsieht und somit dazu beiträgt, dass tägliche Vebrechen in Deutschland begangen werden können.

seelenlos said...

danke und respekt für diesen post und für dein verständnis für die lage zwischengeschlechtlicher! kraft und erfolg in deinem kampf gegen selbstherrliche mediziner und juristen, für entpathologisierung und selbstbestimmung, gegen das tsg und seine umsetzung!

und, ähm, ist's zufall, dass du dafür prompt mit ins schussfeld der "einzig wahren" transsexuellen gerätst? anonym oder nicht, ick hör dir trapsen: "Transsexualität ist eine körperliche Störung."

Anonymous said...

hallo lukas
dein post macht hoffnung auf ein respektvolles und unterstützendes nebeneinander!
danke und liebe grüsse
nella
http://zwischengeschlecht.info

Lukas said...

@ anonymous ( Kim ?) ich verstehe leider kaum einen Satz von dem was du schreibst. Bzw. ich verstehe die einzelnen Sätze kapiere aber überhaupt nicht wohin du willst.
Aber vielleicht können wir einfach verbuchen, dass wir unterscheidlicher Meinung sind.

Anonymous said...

"Man soll sich mehr um die Seele als um den Körper kümmern; denn die Vollkommenheit der Seele richtet die Schwächen des Körpers auf, aber geistlose Kraft des Körpers macht die Seele nicht besser." - Demokrit

Nikanj said...

Ich kann deinem Beitrag nur voll und ganz zustimmen, ganz besonders auch deinem Fazit!
Lets get together and fight the system!

Anonymous said...

Mal eher theoretisch:
Kann es nicht sein, dass der Unterschied zwischen Trans und Inter nur ein gradueller ist? Psyche und Körper bilden doch ein Kontinuum. Bei einigen Transsexuellen mag es rein psychische Ursachen geben, bei anderen mehr hormonelle. Bei Intersexuellen kommt noch das körperliche Anderssein von Geburt an dazu. Ich sehe da keine Notwendigkeit für einen Kampf, nur um Akzeptanz.
Das eigentliche Problem ist die Pathologisierung, mangelndes Verständnis bei vielen (was man nicht kennt, das interessiert einen nicht) und Angst (wer anders ist, wird abgelehnt).

Und noch etwas theoretisches: Die Natur ist nie perfekt, nie 100%. Außerdem probiert sie gern aus. Das ist ein Prinzip der Evolution und läßt sich überall in der Biologie beobachten.
Ich habe von 5000 Abstufungen gelesen, die es zwischen Mann und Frau gibt (damit sind sicherlich nicht nur körperliche gemeint).
Einige psychologische Theorien (ich glaube, z.B. nach Carl Gustav Jung) gehen davon aus, dass wir nicht nur männliche und weibliche Anteile in uns haben, sondern auch grundsätzlich in der Lage sind, in der Sexualität in beide Richtungen zu fühlen. Nur entscheiden sich die meisten im Lauf ihres Lebens für eine Seite.

In diesem Sinne - es lebe die Vielfalt! :)

Uwe

Anonymous said...

Ach so, damit keine Verwirrung entsteht - der vorherige Beitrag war mein erster.

Grüße an alle
Uwe

seelenlos said...

@ "demokrit" und uwe:

ja, ich finde auch, mensch sollte menschen vor allem ihrer seelen wegen lieben usw., ABER: der anspruch, sich mehr um die seele zu kümmern als um die "Schwächen des Körpers", oder "Psyche und Körper bilden doch ein Kontinuum" usw. bzw. bei "Intersexuellen kommt [...] das körperliche Anderssein" (nur) noch "dazu", SORRY, dass sind statements, die kaum zufällig ausschliesslich VON PRIVILEGIERTEN, NICHT ZWANGSOPERIERTEN NICHT-"BIO-ZWITTERN" KOMMEN.

mit verstümmeltem (oder gleich kurzerhand abgeschnittenem) schniedel/lustorgan usw. usf. etc. usw. machen sie für die meisten betroffenen weniger sinn bzw. bekommen einen ziemlich unangenehmen beigeschmack und sind auch kein "nur gradueller unterschied" und auch nicht "eher theoretisch". erst recht, solange diese unmenschliche praxis andauert und ausser den persönlich betroffenen sich in der regel alle andern einen scheiss drum kümmern, geschweige denn aktiv was dagegen tun (ausnahmen bestätigen die regel).

bitte versucht das zu verstehen!

Anonymous said...

Hallo seelenlos,

das Thema der Zwangsoperation ist nochmal etwas anderes. Das ist absolut nicht tolerierbar und kommt IMHO aus Angst und verquerem, um es mal deutlich zu sagen - fachidiotischem Denken der Ärzte.
So ähnlich, wie früher psychisch Auffällige (ich vermeide das Wort krank in diesem Zusammenhang, das ist ebenso kulturell bedingt und Definitionssache) in "Irrenhäuser" weggesperrt wurden - da ging es nicht primär darum, zu helfen. Und wer in solchen Anstalten war, wurde dort wohl kaum gesund - eher das Gegenteil. Steingewordene Angst war ein solches Gebäude im Prinzip (und die Atmosphäre ist auch heute noch in so mancher psychiatrischen Klinik nicht sehr viel besser). Ein solches Denken steckt meiner Meinung nach auch hinter den Zwangsoperationen. Die Ärzte meinen vielleicht sogar, damit zu helfen, aber das macht es umso schlimmer. Ich bezweifle, dass die meisten, die so etwas machen, auch nur einen blassen Schimmer davon haben, welche psychische Auswirkungen das hat. Leider haben Ärzte meistens nicht viel Ahnung von Psychologie. Weder Ahnung noch Einfühlungsvermögen bezeugt auch das Ausstellen von jemandes Genital vor Horden von Studenten (oder anderen Ärzten).
Ganz abgesehen auch noch von den Nebenwirkungen, die eine Hormon"therapie" über Jahre hinweg haben kann.
Also ich hoffe, damit habe ich meine Meinung dazu deutlich gesagt.

Dann halte ich die Trennung von Psyche (oder Seele, was auch immer damit gemeint ist) und Körper in unserer Kultur für einen Irrtum, der viel Leid verursacht. Zum Beispiel die Vorstellung, man könnte sich anstelle der "Schwächen des Körpers" um die "Seele" kümmern. Ich glaube nicht, dass das wirklich geht. Man bekommt nur das Gesamtpaket. Immer.
Wenn man sich überhaupt nicht mit seinem Körper anfreunden kann, mag es tröstlich scheinen, sich vorzustellen, dass die Seele auch ohne ihn existieren kann bzw. sich von ihm trennen kann. Aber eigentlich steckt dahinter ja die Ablehnung des eigenen Körpers - die man vielleicht als Kind erst durch andere erfahren hat und jetzt verinnerlicht hat. Der Schmerz und die Wut, die durch die Verweigerung der unbedingten Annahme entsteht, die ein Kind braucht (eigentlich jeder Mensch, nur gehört zum Erwachsenwerden ja auch, akzeptieren zu lernen, das man nicht von jedem angenommen wird - in normalem Maß).

Es stimmt, ich bin weder Bio-Zwitter noch zwangsoperiert worden. Aber ich weiß sehr gut, was es heißt, ausgegrenzt zu werden, weil man anders ist (oder andere die Vorstellung haben, dass man anders ist). Letztlich ist der Unterschied graduell - wir sind alle Menschen, oder?

Die Debatte "Trans gegen Inter" kommt mir ein bißchen wie ein Grabenkampf vor, in dem sich die beiden Seiten auch gut selbst aufreiben können. Vielleicht ist es hilfreicher, die Gemeinsamkeiten zu suchen?

Uwe


P.S.: Der Begriff "psychische Intersexualität" ist wohl Unsinn, aber was er ausdrückt - das es Gemeinsamkeiten gibt, möglicherweise nicht.

seelenlos said...

hallo uwe

danke für deine deutlichen worte! um missverständnissen vorzubeugen, ich bin ein "normaler" xy, meine freundin nella ist der zwangsoperierte "bio-zwitter". ich selber komme ursprünglich eher aus der bürgerrechtsecke gegen polizeigewalt und zensur und bin heute noch schockiert darüber, was zwittern angetan wird und wie weiterhin alle nur zusehn und schweigen.

auch ich persönlich kann von mir ein paar geschichten über ausgrenzung usw. erzählen, m.e. mehr als "der durchschnittliche xy", aber wenn ich seh was sie z.b. nella angetan haben und wie sich das auch jahrzehnte später noch auswirkt (und damit meine ich auch die damit verbundenen traumata) habe ich da ein bisschen probleme mit dem statement 'bloss' gradueller unterschied, das ist für mich etwas wie wenn ich mich mit einem kz-überlebenden oder einem folteropfer vergleichen würde.

bezügl. trans* vs. inter* kommt noch dazu, dass viele trans* die "intersexuellen" darum beneiden, dass diese "problemlos zu op's kommen" (wurde auch schon nella auf ihrem eigenen blog so vorgeworfen: "Ist ja auch kein Problem, wenn man selbst als Intersexuelle/r anerkannt ist und nicht um medizinische Maßnahmen kämpfen muss."). und deshalb den begriff nach möglichkeit für ihre eigenen anliegen zu instrumentalisieren versuchen (und damit in einer langen tradition stehen). deshalb kann ich gut verstehen, wenn die meisten zwitter darauf bestehen, dass erstmal die unterschiede klargestellt werden, und dass erst wenn das durch und klar ist die gemeinsamkeiten in den vordergrund treten können. weil es vorher für ihr grundanliegen kontraproduktiv wäre.

cheers seelenlos

Bad hair days said...

Hallo Seelenlos,

Ich durfte ja schon einmal mit dir Diskutieren. Und dank z.B. deines Hasspamphlets auf Indimedia ( http://de.indymedia.org/2007/12/201883.shtml?c=on#comments2 ) bin ich mir auch bewusst, dass sich bei dir Intersexualität alleine durch Zwangsoperation definiert.

Damit tust du vielen Intersexuellen Unrecht.

Wenn ich auch zustimme dass es eigentlich egal sein sollte ist es Aufgrund der Beweislage nun wirklich lächerlich zu behaupten, dass Transsexualität nichts körperliches ist. Aber da ja nicht sein kann, was nicht sein darf schreibt man lieber Sätze wie:

"Tatsache ist: An den an sich positiven Errungenschaften von Homosexuellen, Transsexuellen und Feministinnen klebt das Blut von Hunderttausenden von zwangsoperierten und mundtot gemachten Hermaphroditen."

@all
Ich empfehle folgenden Artikel:
http://aebrain.blogspot.com/2008/06/bigender-and-brain.html

PS: Ich empfinde die Zwangs-OP von intersexuellen Kindern als eines der schlimmsten Menschenrechtsverbrechen und ich war schockiert zu erfahren, dass es trotz der entlarvung Moneys weiterhin gängige Praxis ist. Aber wenn mir ständig nur Hass von Seiten Intersexueller Entgegenschlägt, angefacht durch Leute wie Seelenlos, fällt es mir schwer, Seite an Seite dagegen anzukämpfen.

Seelenlos: Nicht die Transsexuellen stellen sich über die Intersexuellen - es ist genau anderst herum.(Und leider gibt es diese Tendenz auch unter Transsexuellen, wenn es um Transgender geht)


www.internet-dsl.net